Die vier Quadranten

Die Temperamente-Lehre gilt heute wissenschaftlich als überholt und doch gibt es auch heute zahlreiche psychologische Typologien, die auf dieser Zahl vier beruhen. So etwa die vier Typen C.G. Jungs (2006), der Fühl-, Denk-, Empfindungs- und Intuitionstypus, die man astrologisch auf die vier Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer beziehen könnte.

Die Vielfalt dieser Welt und der Menschen war dem Menschen von jeher nicht nur Freude, sondern auch Last. Bei so viel Unterschiedlichkeit in der Natur und in unseren Gedanken, entsteht das belastende Gefühl von Verwirrung und Ausgeliefertsein. Wenn die Diversität scheinbar keine Grenzen kennt, kommen wir schnell in Gefühle von Ohnmacht und Verunsicherung. Das ist mit ein Grund, warum im Menschen schon früh das Bedürfnis entstand, Ordnungssysteme zu konstruieren, Vereinfachungen und Typologien. Das ist in der modernen Psychologie nicht anderes als es in der Astrologie seit Jahrtausenden der Fall war. Zwei der neueren Ordnungssysteme der Psychologie möchte ich in diesem Artikel vorstellen und zeigen, wie sie sich nahtlos in das astrologische System einfügen.

In der Astrologie haben wir es mit zahlreichen Ordnungssystemen zu tun. Wir kennen zwei Qualitäten (männlich, weiblich bzw. extravertiert und introvertiert), drei Zustandsformen (kardinal, fix, veränderlich), vier Elemente (Feuer, Erde, Luft, Wasser), vier Quadranten, zwölf Tierkreiszeichen und mit den Aspekten kommen noch weitere Teilungszahlen, wie die Fünf, die Sechs, die Sieben und die Acht (Quintil, Sextil, Septil, Halbquadrat, etc.) dazu.

Die vier Quadranten
Abb. 1. Die vier Quadranten.

Die Vier stellt in Form von Vierer-Typologien auch in der Psychologie eine große Rolle. So wurden beispielsweise schon in der griechischen Antike vier Temperamente unterschieden, der Choleriker, Sanguiniker, Phlegmatiker und Melancholiker. Das System wird Empedokles zugeschrieben und wurde von Galen weiterentwickelt. Möglicherweise ist es aber ägyptischen Ursprungs, also noch wesentlich älter. Astrologisch finden wir darin die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde wieder.

Die Zahl Vier finden wir astrologisch auch in den vier Quadranten, von denen jeder mit einer anderen Elementequalität beginnt. Der erste Quadrant, im natürlichen Tierkreis dem Frühling entsprechend, beginnt mit Feuer, der zweite Quadrant (Sommer) beginnt mit Wasser, der dritte Quadrant (Herbst) beginnt mit Luft und der vierte Quadrant (Winter) beginnt mit Erde. Ein interessantes Detail am Rande ist das Fehlen jeweils eines Elements in jedem Quadranten. Im ersten Quadranten fehlt Wasser, im zweiten Luft, im dritten Erde und im vierten Feuer.

Die Temperamente-Lehre gilt heute wissenschaftlich als überholt und doch gibt es auch heute zahlreiche psychologische Typologien, die auf dieser Zahl vier beruhen. So etwa die vier Typen C.G. Jungs (2006), der Fühl-, Denk-, Empfindungs- und Intuitionstypus, die man astrologisch auf die vier Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer beziehen könnte. Des Weiteren die vier Grundformen der Angst von Fritz Riemann (2003), der ja selbst Astrologe war und sich wohl von den Entsprechungen der vier Quadranten inspirieren ließ. Seine vier Grundformen der Angst waren der schizoide Typus, der Angst vor der Hingabe hat, der depressive Typus, der Angst vor der Selbstwerdung hat, der zwanghafte Typus, der Angst vor Veränderung hat und der hysterische Typus, der Angst vor den Notwendigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Lebens hat.

Noch nicht ganz so alt ist das Modell der vier Grundbedürfnisse von Klaus Grawe (2004). Er meinte, dass der Mensch vier Grundbedürfnisse hätte, nämlich das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz, das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung, das Bedürfnis nach Bindung und das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle.

Für mich ergänzen sich diese beiden Systeme und mehr noch, sie finden sich praktisch direkt in den vier Quadranten eines Horoskops wieder. So entstünde im 1. Quadranten durch die Überwindung der Angst vor Selbstwerdung der Selbstwert. Im 2. Quadranten entstünde durch die Überwindung der Angst vor Veränderung und Lebendigkeit, der Lustgewinn und die Kompetenz zur Unlustvermeidung. Die Überwindung der Angst vor der Hingabe führte uns im 3. Quadranten in gesunde Bindungsfähigkeit und zuletzt würde im 4. Quadranten die Überwindung der Angst vor den Gesetzmäßigkeiten und Notwendigkeiten des Lebens in die gesunde Kontroll- und Orientierungskompetenz führen.

Pathologisch betrachtet, würden wir beim Scheitern im 1. Quadranten depressiv (wir wichen von 1 nach 3 aus und wären ständig damit beschäftigt, andere zufriedenzustellen), im 2. Quadranten würden wir zwanghaft (wir wichen von 2 nach 4 aus und hätten so viel Angst vor Lebendigkeit, dass wir uns rigide an den Regeln und Normen der Gesellschaft festkrallten), im 3. Quadranten würden wir schizoid (wir wichen von 3 nach 1 aus und die Angst vor der Hingabe ließe uns nur noch um uns selbst kreisen und führte allzu sehr in das Denken und Zerdenken aller möglichen Szenarien) und im 4. Quadranten würden wir hysterisch (die Angst vor Regeln und Normen ließe uns in den 2. Quadranten ausweichen, wo wir nur noch Spiel, Spaß und Party machen wollten, ohne an irgendwelche Konsequenzen denken zu müssen).

einsAstrologisch umfasst der 1. Quadrant die Zeichen Widder, Stier und Zwillinge, was den Elemente­qualitäten Feuer, Erde und Luft entspricht. Es geht um den Körper, das Ich, die Handlung. Der Impuls, der im Widder entsteht, will im Stier stabilisiert und abgesichert werden und in den Zwillingen dargestellt und flexibel gehandhabt. Es geht hier, mit Grawe gesprochen, um Selbstwert oder mit Riemann im ungünstigen Fall um die Angst vor Selbstwerdung, vor Individuation, wie C.G. Jung das genannt hat. Wenn wir nicht den Mut finden, unsere Anlage (Aszendent, Herr von 1 und Planeten in 1) zu verwirklichen, zu uns selbst zu stehen, uns durchzusetzen (Widder), uns abzugrenzen (Stier) und nach außen klar und deutlich zu kommunizieren, was wir wollen (Zwillinge), führt das psychologisch zu einem depressiven Muster und dazu, dass wir nicht aus freien Stücken gerne mit anderen zusammen sind, sondern andere brauchen.

Erich Fromm hat gesagt, so lange wir andere brauchten, seien wir nicht fähig, eine Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe zu führen. Wir würden dann auf die eine oder andere Art immer von anderen (Partner, Chef, Eltern, Freunde, Staat…) abhängig bleiben. Das Jesus-Wort: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", weist bereits darauf hin, dass die Selbstliebe eine notwendige Voraussetzung für Nächstenliebe ist. Astrologisch bedeutet das auch, solange ich den ersten Quadranten nicht gemeistert habe, bin ich nicht fähig, frei und ungehindert in den 3. Quadranten, die Begegnung, zu kommen. Wenn ich Angst davor habe, wirklich ich selbst zu werden, versuche ich immer allen alles Recht zu machen, mich anzubiedern, ich werde nie sagen, was ich wirklich denke, sondern immer nur das, was gerade opportun ist. Leider will es mir scheinen, dass dieses Muster in unserer scheinbar so individualisierten Welt überproportional häufig vertreten ist. Als Beispiel mögen hier soziale Medien wie etwa Facebook oder Twitter dienen, wo wir nur mehr fremde Meinungen "liken" und auch im (Offline-)Freundeskreis nur die Meinung vertreten, die scheinbar von der Mehrheit geteilt wird. Die Neigung vieler Menschen, Verantwortung abzugeben an Politiker, Experten, Wissenschaftler, Psychologen, gehört wohl auch hierher.

Das wünschenswerte Ziel im ersten Quadranten heißt so weit zu kommen, dass wir sagen können: Ich bin hier, unterscheidbar, einzigartig, das ist mein Standpunkt und das sind meine klaren Grenzen. Dafür stehe ich, das vertrete ich und so funktioniere ich!

zweiIm zweiten Quadranten schließlich wird die Psyche, das Gefühl und Wesen des Menschen geboren. Der Quadrant beginnt im Krebs, setzt sich fort im Löwen und endet in Jungfrau, was den Elementequalitäten Wasser, Feuer und Erde entspricht. Luft fehlt im 2. Quadranten. Noch ein Wort zum Begriff "Psyche". Viele Astrologen reden im 2. Quadranten von Seele, was an sich das deutsche Wort für das griechische Wort Psyche ist. C.G. Jung unterschied diese beiden Begriffe jedoch auch inhaltlich, indem er Psyche quasi als angstverarbeitendes Organ im Menschen ansah sowie als Ort des persönlichen Unbewussten. Seele war für ihn andererseits das überdauernde und unsterbliche Element im Menschen sowie der Ort des kollektiven Unbewussten. In diesem Sinne würde ich Psyche im 2. Quadranten, Seele (=das Transpersonale) jedoch im 4. Quadranten ansiedeln.

Im Krebs verbinden wir alles Äußere mit inneren Bildern und Gefühlen, die wir im Löwen lautstark und deutlich sichtbar zu Ausdruck bringen und in der Jungfrau schließlich aussteuern, also an unsere Umwelt anpassen. Mit Grawe geht es hier um das Prinzip Lustgewinn und Unlustvermeidung. Hier bringen wir unsere Lebensfreude zum Ausdruck, hier ist auch die Sexualität angesiedelt, hier schwelgen wir in Leben und geben uns lustvoll Spiel und Spaß hin.

Im ungünstigen Fall entsteht hier eine ausgesprochene Angst vor den Notwendigkeiten des Lebens, alles, was zu sehr einschränkt, was zu sehr nach Regel und Vorschrift aussieht, wird abgelehnt. Es geht nur noch um Lustgewinn und Lustmaximierung, Unlust wird um jeden Preis vermieden. Im Sinne Riemanns entsteht hier das hysterische (heute: histrionische) Muster. Üblicherweise ist das ein Muster von Jugendlichen. Spiel, Spaß und Party sind die wichtigsten Lebensinhalte. Dass ein Ladendiebstahl, der Konsum mancher Drogen oder ein Schulabbruch auch Konsequenzen haben können, wird vorerst ignoriert, denn das würde den Spaß verderben. Vernünftig argumentierende Mitmenschen werden gerne als "Spießer" und Spielverderber bezeichnet, die vom Leben keine Ahnung hätten. In diesem Fall würde einer gesunden Integration der Lektionen des 2. Quadranten also durch Übertreibung und Oberflächlichkeit begegnet. Im anderen Extrem würde der Betroffene zu große Angst davor haben, sich zum Ausdruck zu bringen. Es entstünde geradezu eine Angst vor Lebendigkeit. Der Mensch erschiene verschlossen und still, bisweilen sogar zwanghaft.

Wer die Lektionen des 2. Quadranten nicht lernt, sich nicht seinem Wesen entsprechend zum Ausdruck bringen kann im Austausch mit der Umwelt, wird allzu zwanghaft, rigide und starr und vermag im 4. Quadranten nicht, sich dem Leben, dem Schicksal, seiner Seele voll und ganz zu überlassen, um den vermeintlichen Zufall und die transpersonalen Inspirationen zu nutzen.

Das gesunde Ziel des 2. Quadranten ist es, nach innen zu blicken, das eigene Wesen zu fühlen und es zum Ausdruck zu bringen, stark, kraftvoll und in heiterer Lebensfreude im Austausch mit der Umwelt und zum Gewinn für diese. Denn nur wenn ich unverwechselbar, kraftvoll und lebendig bin, wird mich die Umwelt überhaupt wahrnehmen. Und nur so kann ich auch schicksalhaft und Bewusstsein schaffend werden für meine Mitmenschen (der 2. Quadrant ist der 4. Quadrant er anderen).

dreiIm 3. Quadranten schließlich geht es um das Du, den Geist und die Vorstellung. Er beginnt mit der Waage, setzt sich fort mit Skorpion und endet im Schützen. Den Elementequalitäten zu Folge also: Luft, Wasser und Feuer. Das Element Erde fehlt im 3. Quadranten. Mit Grawe geht es hier um das Bedürfnis nach Bindung, nach Bindung an Ideen, Menschen, geistige Inhalte, Gegenstände. Wir kommen in Waage mit etwas Neuem, Äußeren in Berührung. Das kann ein Buch sein, ein einzelner Gedanke, ein geschäftliches Angebot oder ein Mensch. Wir beschäftigen uns hier mit der großen Vielfalt der Welt, schnappen täglich hunderte Gedanken auf, begegnen zahlreichen Menschen und Inhalten. Schließlich treffen wir eine Entscheidung und bleiben bei einer Idee oder entscheiden uns für eine feste Partnerschaft oder Ehe. Wir unterschreiben Verträge, binden uns an Ideen und Menschen oder Philosophien. Der Skorpion fixiert die Idee, macht sie verbindlich. Das ist mit einem Opfer verbunden, wir geben Sicherheit auf (gegenüberliegendes Zeichen Stier) und bewerten (Waage) Ideen so, dass einige verworfen und andere ausgebaut werden. Das ist mit Schmerz verbunden und gleichzeitig entsteht etwas Neues. Aus ICH und DU wird WIR, ein Paar, eine religiöse Gemeinschaft, eine Fachgruppe, in der man die gleiche Sprache spricht.

Das Bedürfnis nach Bindung wird in der Psychologie heute als besonders wichtig erachtet und es gilt als empirisch am besten abgesichertes Grundbedürfnis. Insbesondere Bowlby (2006) postulierte ein angeborenes Bedürfnis, die physische Nähe einer primären Bezugsperson zu suchen und aufrechtzuerhalten. Störungen im Bereich der frühen Bindungen werden heute als die wichtigste Quelle für spätere psychische Störungen erachtet. In neuerer Zeit macht man sie sogar für die Entstehung vieler Süchte verantwortlich.

Der Mensch ist aber nicht nur fähig und bereit, sich an Menschen zu binden, sondern auch an Ideen. Bisweilen ist er bereit, sich so fest an eine Idee zu binden, sich einer Idee so sehr zu verpflichten (z.B.: Religion, revolutionäre Ideale, politische Ziele), dass er sogar bereit ist, dafür zu sterben. Im Skorpion ist daher auch der Fanatismus angesiedelt. Wenn wir schließlich mit einer Idee, einem Menschen, Erfahrungen gemacht haben, vermögen wir diese auch weiterzugeben, zu verkünden. Wir beginnen, ausgestattet mit dieser neuen Erfahrung, andere zu orientieren, indem wir unsere Erkenntnisse mitteilen. Vielleicht sind wir sogar enthusiastisch genug, sie um die ganze Welt zu tragen, indem wir reisen, andere Länder kennen lernen und dort wiederum mit neuen Ideen konfrontiert werden. Wenn wir so immer wieder mit neuen Ideen und Menschen in Berührung kommen, entsteht schließlich eine große Breite unserer Weltanschauung und auch Toleranz.

Im dritten Quadranten wäre wohl Grawes Bedürfnis nach Bindung angesiedelt. Habe ich zu einer klaren Identität und bewussten Emotionalität gefunden, verbunden mit einer vitalen Lebendigkeit, so kommt jetzt das DU ins Spiel. Es entsteht etwas vollkommen Neues. Der Mensch ist ein soziales Wesen und möchte sich mit anderen verbinden, an ihnen reiben, mit ihnen diskutieren, sich mit ihnen messen und auf diese Art klarer erkennen, wer er selbst ist, in Abgrenzung vom Anderen. Der dritte Quadrant ist der 1. Quadrant der anderen, dort möchte er sich behaupten und abgrenzen. Idealerweise geht es also um Auseinandersetzung, Hingabe und Bindung.

Geht hier etwas in der Entwicklung schief und ist unsere Angst vor Hingabe größer als das Bedürfnis nach Bindung, so entsteht der schizoide Charakter (nach Riemann), der lieber um sich selbst kreist, anstatt sich auf die Ungewissheit einer Bindung einzulassen. Der Schizoide ist überintellektuell und will lieber alles hundert Mal durchdenken, bevor er einen Schritt auf den anderen zu macht. Er projiziert Gefühle gerne auf andere und unterstellt ihnen Beweggründe, die im Grunde seiner eigenen Bedürftigkeit entspringen. Anstatt sich auf das DU wirklich einzulassen, interpretiert er lieber einzelne Gesten und Worte so lange, bis er sich selbst von der Aussichtslosigkeit dieser Bindung überzeugt hat. Ein: "Das war wirklich ein schöner Abend!", nach einer ersten Verabredung wird dann schnell zur Frage: "Bin ich wirklich schon bereit zu heiraten?", wo das zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht zur Debatte steht.

Idealerweise haben wir uns im 3. Quadranten wiederholt tief eingelassen, sind selbst gereift (verwandelt) und haben eine weltoffene, optimistische und tolerante Sicht auf die Welt erlangt, die imstande ist, andere zu orientieren.

vierDer 4. Quadrant schließlich ist der überindividuelle, seelische, der Quadrant des Bewusstseins und des gesellschaftlichen Engagements. Auf Steinbock folgt Wassermann und schließlich Fische. Die Elementequalitäten sind Erde, Luft und Wasser, Feuer fehlt. Damit ist dieser Quadrant genau wie der 2. überwiegend weiblich. Es geht hier um gesellschaftliche Notwendigkeiten, das Gesetz, um Normen und verbindliche Regeln des Zusammenlebens. "Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns Maßstab für alle Menschen sein kann" (Kant), wäre so ein 4. Quadrant- und Steinbock-Satz.

Aber auch gesellschaftliche Regeln, auf die wir uns verbindlich geeinigt haben, bedürfen von Zeit zu Zeit der Reform. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse Ungerechtigkeiten schaffen, die überwunden werden wollen. Der Maßstab dieses Quadranten sind nicht wir selbst (1.), unser Wohlbefinden (2.) und auch nicht die Welt unseres Partners (3.), sondern das größtmögliche Wohl für die größtmögliche Zahl von Menschen. Hier geht es um das Beste für die Gemeinschaft, vielleicht sogar für die Menschheit und den gesamten Planeten. Das Personale spielt keine Rolle mehr im 4. Quadranten, hier geht es um transpersonale Inhalte oder wenn man so will, das Schicksal oder den Willen Gottes.

In den Fischen schließlich hört alles Wollen und alles Nützlichkeitsdenken gänzlich auf, es geht nur noch um Mitgefühl und Liebe zum Ganzen. Wir entwickeln hier Phantasie und Alternativen und praktizieren Verantwortung, weil wir Hintergründe aufgedeckt haben. Wenn es uns überhaupt irgendwo gelingen kann, Erleuchtung zu erlangen, dann in den Fischen. Und idealerweise sind alle unsere irdischen Gesetze an der allumfassenden Liebe orientiert. Die allgemeinen Menschenrechte als oberste Prämisse der Gesetzgebung einzelner Länder anzusetzen, ist diesbezüglich ein Schritt in die richtige Richtung. Aber gerade in unseren Tagen fangen wir an zu begreifen, dass es nicht nur um den Menschen geht. Es geht auch um die Tiere, die Pflanzen, ja die gesamte Natur und den Planeten. Indem wir Rohstoffe plündern, Tiere unnötig quälen, mehr Fleisch essen als nötig, die Natur zubetonieren, erstarren wir selbst und sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Mit Grawe geht es in diesem Quadranten um das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle. Gerade wenn wir die Lektionen der ersten drei Quadranten nicht gelernt haben, haben wir hier besonders stark den Eindruck, keinerlei Kontrolle über unser Leben zu haben, sondern ohnmächtiger Spielball der Mächte des Schicksals zu sein. Haben wir jedoch eine feste Identität, Lebensfreude und eine gesunde Beziehungsfähigkeit erlangt, so sind wir in diesem Quadranten auch fähig uns den "Zufällen" des Lebens zu überlassen oder den Ruf des Schicksals zu hören. Immer wieder finden wir Beispiele, wo Menschen plötzlich ihrer inneren Stimme folgten und ihr Leben komplett veränderten. Der Ruf des Schicksals kommt aus dem 4. Quadranten. Im ungünstigsten Fall sind wir hier, im Sinne Riemanns, so von der Angst vor den Notwendigkeiten des Lebens in Beschlag genommen, dass wir in den 2. Quadranten flüchten und uns nur noch Spiel, Spaß und Unverbindlichkeit hingeben. Es entstünde der histrionische Charakter. Eine andere mögliche Überkompensation in Bezug auf den gefürchteten Kontrollverlust, wäre die zwanghafte Reaktion, die jede Lebendigkeit in uns abschnüren würde.

Die gesunde Entwicklung des 4. Quadranten wäre das Erkennen von Zielen, Aufgaben und meiner Berufung, der Einsatz für ein größeres gesellschaftliches Ziel abseits egoistischer Ziele und schließlich das Aufgehen im größeren Ganzen der seelischen Aufgabe, Hingabe an das Leben, die Natur und das All-Ganze, das manche Gott nennen würden, andere vielleicht die Seelenfamilie oder "nur" die Liebe.

Sowohl Riemann als auch Grawe räumen ein, dass es immer alle vier Ängste und alle vier Bedürfnisse gäbe und diese untereinander auch zusammenhingen. Es gibt also weder den "nur" schizoiden Charakter, noch beschränkt sich irgend ein einzelner Mensch auf lediglich ein Grundbedürfnis. Im Rahmen seiner Konsistenztheorie führt Grawe aus, wie die Bedürfnisse mit einer Systemebene und einer motivationalen Ebene interagieren, um schließlich im konkreten Verhalten eines Menschen zu münden.

Individual- und mundanastrologische Bedeutung?

In der Astrologie können wir bei der ersten groben Interpretation eines Horoskops anhand der Planetenverteilung in den Quadranten einen Anhaltspunkt erhalten, ob ein Mensch eher um sich selbst kreist (Ballung im 1. Quadranten), sehr stark DU-bezogen ist (Ballung im 3. Quadranten), sich selbst zum Ausdruck bringen muss (viele Planeten im 2. Quadranten) oder sich in erster Linie überpersönlich und gesellschaftlich engagieren sollte (4. Quadrant), um seiner Anlage optimal zu entsprechen. Aber selbstverständlich ergibt diese Einschätzung noch keine vollständige astrologische Analyse eines Radix. Und doch sind solche "Schwerpunkte" im Horoskop neben dem Aszendenten und seinem Herrscher häufig aussagekräftiger als wir vermuten könnten.

In diesem Zusammenhang frage ich mich daher schon länger, ob wir bei der Betrachtung der Langsamläufer ab Jupiter in ihrer Stellung in den Quadranten des natürlichen Tierkreises nicht auch mundan eine Tendenz ablesen könnten, worum es kollektiv gerade geht. Dazu müssten wir nur den natürlichen Tierkreis bei 0° kardinal mit zwei Achsen versehen und die aktuelle Position der Planeten Jupiter bis Pluto eintragen. Das sähe aktuell so aus:

Langsamläufer in den Quadranten (2015)
Abb. 2. Jupiter bis Pluto in den Qudranten (2015).

Uranus befindet sich im Widder (1. Quadrant), Jupiter in Jungfrau (2. Quadrant), Saturn im Schützen (3. Quadrant) und Pluto und Neptun befinden sich in Steinbock bzw. Fische (4. Quadrant). Es befinden sich aktuell also zwei Planeten im 4. Quadranten und jeweils einer in den anderen drei Quadranten. Damit ginge es derzeit vor allem um neue Maßstäbe, Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Kollektiv wären die Gesetze der Notwendigkeit an der Reihe und das Bedürfnis nach Kontrolle. Vielleicht mag das erklären, warum Überwachungsmaßnahmen heute zunehmen und staatliche sowie internationale Behörden derart zwanghaft agieren.

Führte ich die Interpretation anhand der Planeten nur in den Quadranten weiter, so könnte man schlussfolgern, dass wir uns heute so einsam und isoliert ("außerirdisch") wie selten zuvor fühlen (Uranus im 1. Quadranten). Wir haben ein übergroßes Bedürfnis nach Selbstdarstellung und kreativen Ausdruck (Jupiter im 2. Quadranten). Dem Thema Bindungen begegnen wir ein wenig zwanghaft, so als ob ein Mensch ohne Partner irgendwie nicht normal wäre (Saturn im 3. Quadranten). Was die globalen Entwicklungen angeht, sind wir hin und her gerissen von der Angst vor allzu viel staatlicher Kontrolle und einem gleichzeitig wachsenden Mitgefühl für andere Menschen, Tiere, den Planeten und nachhaltigen Entwicklungen (Pluto und Neptun im 4. Quadranten). Doch diese Einschätzung mag ein wenig gewollt und willkürlich erscheinen und bedarf sicher weiterer Beobachtung.

Ebenso wie die Betrachtung des zyklischen Gleichgewichts (Summe der zu- und abnehmenden Zyklen der Langsamläufer untereinander), wäre auch diese Betrachtung nur eine grobe Orientierung, um allgemeine gesellschaftliche Tendenzen zu ersehen, aber nicht, um konkrete Voraussagen zu machen.

Auf der individuellen Ebene erscheinen mir Ballungen in einzelnen Radix-Quadranten für eine erste vorsichtige Einschätzung welche der Hauptängste für einen Menschen im Vordergrund stehen könnte, sehr nützlich. Diese gilt es dann natürlich in der persönlichen Beratung zu klären und entweder zu untermauern oder zu verwerfen.

Literatur

Bowlby, John (2006). Bindung als sichere Basis: Grundlagen und Anwendung der Bindungstheorie. Reinhardt Verlag.

Grawe, Klaus (2004). Neuropsychotherapie. Hogrefe Verlag.

Jung, Carl Gustav (2006). Psychologische Typen, Gesamtwerk/Band 6. Walter Verlag.

Riemann, Fritz (2003). Grundformen der Angst, 36. Auflage, Reinhardt Verlag.

Bildnachweis

Die Bilder stammen von pixabay.com, die Astro-Grafiken wurden mit der Software Sarastro erstellt.

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